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Schiebewurst und Rübentrank

In Erinnerung an Hella Mueting - Sie starb im Alter von 107 Jahren

Es gibt nur noch wenige Menschen, die unter einem Kaiser geboren wurden. Hella Müting gehörte dazu. Als sie am 16. September 1912 in Stettin (Hinterpommern) das Licht der Welt erblickte, war es Kaiser Wilhelm II., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, der zwischen 1888 und 1918 regierte. Es waren unruhige Zeiten, die schon zwei Jahre später im Ersten Weltkrieg mündeten. „Es kam die Inflation und die Hungerszeit“, erinnerte sich die Hella Müting. Der Vater sei Schulleiter gewesen und musste schauen, wie er seine acht Kinder einigermaßen satt bekam. „Luxus war, wenn wir eine Schiebewurst und einen Morgentrank aus Rüben bekamen.“ Schiebewurst? „Ja, es handelte sich um eine kleine Scheibe Wurst, die auf das Brot gelegt wurde. Bevor wir aber reinbissen, schoben wir mit der anderen Hand die Wurstscheibe immer ein Stückchen weiter. So lange, bis sie am Ende der Brotscheibe angekommen war. Erst dann wurde die Wurst mitgegessen. So hatten wir wenigstens ein paar Bissen lang den Geschmack von Wurst.“ Doch ein Kind von Traurigkeit sei sie nie gewesen, erzählt die damals106Jährige. Als junges Mädchen trat sie in den Stettiner Ruderverein ein und nahm auch an diversen Wettbewerben teil. „Oft sind wir auf der Oder bis nach Berlin gerudert. Ja, wir waren damals auch schon mal modern.“

Hella Mueting an ihrem 106ten Geburtstag im BRK-Pflegeheim mit Vize-Bürgermeister Martin Fink und Heimleiterin Oxana Rudi
Hella Mueting an ihrem 106ten Geburtstag im BRK-Pflegeheim mit Vize-Bürgermeister Martin Fink und Heimleiterin Oxana Rudi

Ursprünglich hatte Hella Müting Jura studiert. Doch nur ganz kurz. Die Liebe kam dazwischen. Sie heiratete einen evangelischen Theologen, von dem sie zwei Kinder bekam. „Es war aber mehr eine Urlaubsehe. Leider ist mein Mann während des Zweiten Weltkriegs gefallen.“ Aufgrund der Beschlüsse der Alliierten im Potsdamer Abkommen wurde Hinterpommern außerdem 1945 unter polnische Verwaltung gestellt und die deutsche Bevölkerung vertrieben. Müting floh mit ihren zwei Kindern – von Hinterpommern ging es nach Vorpommern, wo sie zufällig auf eine ihrer Schwestern traf – weiter unter Bombenhagel durch Hamburg bis nach Göttingen. Dort ist die Familie bei einem kinderlosen Onkel untergekommen. „Das ging nicht lange gut. Der Onkel hatte keinerlei Verständnis für Kinder. Als mein Fünfjähriger ganz begeistert vorführte, dass er schon Pfeifen kann, hagelte es Beschimpfungen. Pfeifen war verpönt und das unanständigste, was sich ein Kind erlauben konnte.“

Hella Müting zog samt Kindern weiter nach Helmstett. Dort absolvierte sie ein sechsmonatiges Kurzstudium und verdiente forthin als Lehrerin den Lebensunterhalt. Und was machte die Liebe? Es gab einen zweiten Ehemann, von dem sie weitere drei Kinder bekam, doch auch diese Ehe hielt nicht lange. „Der Mann war sehr kreativ, aber leider geschäftlich absolut unfähig. Ich ließ mich scheiden und brachte mich und meine fünf Kinder alleine durch.“ Die große Liebe kam im reifen Alter. „Gaston hatte ich im Senioren-Sportverein in Aachen kennen gelernt. Wir hatten zehn Jahre lang eine sehr schöne Zeit. Leider ist er viel zu früh gestorben.“

2009 übersiedelte Hella Müting auf Wunsch ihrer Tochter, die in Wörthsee zu Hause ist, nach Gilching. „Es musste sein, weil ich nicht mehr so fit bin. Es gefällt mir aber sehr gut hier. Es ist immer etwas los“, sagte sie. Zu ihrem 100sten hatte sie übrigens zu einem großen Fest eingeladen und eine humorvolle Rede gehalten. Sie war außerdem bestens über die aktuelle Entwicklung in Gilching informiert. Nicht aus der Zeitung, sondern aus erster Hand. „Zum Geburtstag besuchte mich jedes Jahr unser Bürgermeister Manfred Walter oder dessen Stellvertreter und die erzählen mir dann alles.“

Dem Pflaume einen Korb gegeben

Sie war bereits über Hundert, als Hella Müting vom Betreuten Wohnen in Gilching ins benachbarte Seniorenzentrum des BRK umzog. Nein, langweilig war es der rüstigen Rentnerin nie. Sie war zwar körperlich etwas eingeschränkt, doch der Geist tickt bis zuletzt auf hohem Niveau. Unter anderem las sie viel und im Fernsehen sah sie sich vorwiegend politische Sendungen an. „Damit ich immer gut informiert bin“ sagt sie. Und wenn es sich ergab, traf sich Hella Müting mit Verwandten oder Freunden zum Kartenspiel. Und so blieb es nicht aus, dass sie im Alter von 103 Jahren für den Film entdeckt wurde. Titel war „Ü100“, der unter anderem auch im Gilchinger Kino lief. „Das war vielleicht ein Stress. Ich musste für die Aufnahmen zum Frisör und zum Einkaufen gehen. Und das alles unter Zeitdruck“, erinnerte sie sich. Im Januar 2019 wurde sie außerdem als Fotomodell für ein Plakat anlässlich des 100sten Geburtstages des Frauenwahlrechts entdeckt. Für fast drei Monate lächelte sie am Münchner Lenbachplatz von einem fünf mal fünf Meter großen Poster auf die vorbeihuschenden Menschen herunter. Ja, und eigentlich hätte sie auch bei einer Sendung über muntere 100Jährige mit Kai Pflaume dabei sein sollen. „Die Redaktion rief hier an und erzählten mir von dem Projekt. Das hätte mir schon Spaß gemacht. Leider musste ich Herrn Pflaume einen Korb geben.“ Wie das? „Die wollten mir doch tatsächlich die Antworten auf meine Fragen vorgeben. Bin ich dement? Ich lasse mir doch nichts in den Mund legen, was ich gar nicht so sagen will. Dann habe ich Herrn Pflaume mitteilen lassen, dass er auf mich verzichten muss.“

Im April 2019 starb sie von Sonntag auf Ostermontag im Alter von 107 Jahren. Sie hinterließ vier Kinder, zwölf Enkel und sieben Urenkel. Uli Singer 

Uli Singer

KURZVITA zu mir, als Initiatorin der Online-Zeitung: Geboren 1946 in München, Untergiesing war für viele Jahre meine Heimat. Wir hatten einen Zooladen an der Humboldstraße, was für mich bedeutete, sieben Tage die Woche neben der Schule auch "meinen Mann" im Laden zu stehen. Naja, geschadet hat es nicht. Seit etwa 30 Jahren bin ich als Journalistin und Fotografin unterwegs, schreibe Bücher und bin außerdem Vorsitzende des Vereins Kinderinsel. Das war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt eines aufregenden Lebens... Mehr dazu kommt demnächst in meiner Biografie unter dem Titel "Madl, laß da net ins Hirn scheißen". Ein Tipp, den mir der bayerische Volksschauspieler Hans Brenner mal mit auf den Weg gab. Hier noch eine kleine Bitte: Die neue Online-Zeitung macht zwar unheimlich viel Spaß, aber auch ganz viel Arbeit. Beteiligt ist ein Team von rund fünf Mitarbeitern. Die wollen zwar alle kein Gehalt, aber es sollte wenigstens ein Obolus für durchgearbeitete Nächte, Fotos und sonstige Dienstleistungen drin sein. Dafür haben wir rechts den Spenden-Button eingerichtet. Nur als Beispiel stehen da 20 Euro mit drauf, es kann aber jeder, der uns unterstützen will, auch mehr, aber selbstverständlich auch weniger, überweisen. Und wenn's nur ein Euro ist und diesen rund eine Millionen Menschen überweisen, Juhuuu, nicht auszudenken. Vielen Dank und viel Spaß beim Schmökern...

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