Rätselhafte Tanker vor Triest – Ist Bayerns Ölkrise hausgemacht?
Ein Blick auf das Nadelöhr der Energieversorgung
Triest / Gilching – Während in Deutschland die Spritpreise klettern und vielerorts von einer drohenden Ölknappheit die Rede ist, bietet sich im Hafen von Triest ein überraschend anderes Bild. Horst Reichhart, Gründer des Gilchinger Logistikunternehmens Reichhart, hält sich derzeit am Hafen von Triest auf und berichtet von einer ungewöhnlichen Beobachtung: Mehrere voll beladene Rohöltanker liegen vor der Küste und warten darauf, ihre Fracht zu entladen.
Volle Tanker, wartende Schiffe
In der Bucht von Triest, nahe Muggia, ankern aktuell mehrere große Rohöltanker – darunter Schiffe der Aframax- und VLCC-Klasse. Sie sind vollständig beladen und offenbar bereit, ihre Ladung in das SIOT-Marine-Terminal einzuspeisen.
Nach Beobachtungen vor Ort herrscht am Terminal selbst reger Betrieb. Von einem Mangel an Rohöl auf dem Seeweg kann zumindest optisch keine Rede sein.
⚙️ Das eigentliche Nadelöhr: die Pipeline
Die Rohölversorgung Süddeutschlands erfolgt maßgeblich über die Transalpine Ölleitung (TAL), die von Triest über die Alpen bis nach Bayern führt.
Branchenkenner weisen seit längerem darauf hin, dass diese Pipeline an ihre Kapazitätsgrenzen stößt – insbesondere seit dem Wegfall früherer Lieferwege aus Russland. Das könnte erklären, warum Tanker vor Triest zeitweise warten müssen: Nicht das Öl fehlt, sondern der Transportweg ins Inland ist begrenzt.
⚖️ Wahrnehmung und Wirklichkeit
Hier entsteht ein Spannungsfeld:
Während offiziell häufig geopolitische Risiken – etwa im Roten Meer oder in der Straße von Hormus – als Ursache steigender Preise genannt werden, zeigt sich vor Ort ein differenzierteres Bild.
Die Situation in Triest deutet darauf hin, dass logistische Engpässe zumindest eine Rolle spielen könnten. Ob und in welchem Ausmaß dies die Preise beeinflusst, lässt sich jedoch nicht eindeutig belegen.
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Was bedeutet das für Bayern?
Sobald Rohöl in Triest entladen wird, dauert es mehrere Tage, bis es über die rund 465 Kilometer lange TAL-Leitung und über die Alpen hinweg die Raffinerien in Bayern erreicht.
Für Verbraucher bleibt vor allem eines spürbar: steigende Preise – deren Ursachen komplexer sind, als es auf den ersten Blick scheint.
🛥️ Ein fast surreales Bild
Eine besondere Ironie am Rande: Im selben Hafenbecken liegt laut Reichhart auch die beschlagnahmte Luxus-Yacht „Sailing Yacht A“. Während auf der einen Seite Tanker mit dringend benötigter Energie warten, steht sie als Symbol für Überfluss – ein Kontrast, der die aktuelle Lage kaum treffender beschreiben könnte.
Uli Singer


