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Ein Pfundsweib im Boot und auf dem Heiligen Berg

Landtagspräsidentin Ilse Aigner überall zuhause

Aus der RETRO-Abteilung (Mai 2000)

Frauen in der Politik – also patente Frauen – sind selten. Zum einen mag sich das weibliche Geschlecht oft gar nie nicht auf dem Karussell selbstherrlicher Männer mit einreihen. Zweitens aber ist die Frau oft auch zu kreativ, um sich auf den politischen Einheitsbrei einzulassen. Eine ganz und gar rühmliche Ausnahme ist Ilse Aigner. Kinder, ich sag‘s Euch, ganz ehrlich und Hand aufs Herz. Die Ilse ist a Pfundsweib. Nicht, weil sie zu viele Pfunde auf den Rippen hätte. Nein, hat sie nicht. Vielmehr könnte man mit ihr Pferde stehlen. Tut man nicht, ist ja verboten. Aber könnte man. Zu solch‘ tollen Frauen sagt man halt Pfundsweib. Man sagt ja auch, Pfundskerl, wenn es ein Mann ist, den man rundum super findet.


Also, die Ilse Aigner ist eigentlich Politikerin. Eine ganz eine nette, aber auch resolute, wenn sie ihre Meinung vertreten muss. Kein Weichei. Hihi! Zurzeit ist sie Landtagspräsidentin mit Aussicht auf Bundestagspräsidentin. Sie kümmert sich darum, dass die bayerischen Abgeordneten im Landtag oberhalb der Isar nicht zu sehr aus der Reihe tanzen. Oft sind Politiker nämlich wie kleine Kinder. Sie streiten sich wegen jeder Kleinigkeit. Und da kann die Ilse dann, wenn es zu arg wird, schon mal mit der Faust auf den Tisch hauen und für Ruhe sorgen. So denk‘ ich mir das einfach.    

Dabei könnt‘ ich mir die Ilse auch aus Astronautin vorstellen oder als Kabarettistin, weil sie oft zusammen mit dem Jürgen Kirner auf der Bühne steht oder aber auch im Boot sitzt (Foto am Starnberger See), mit ihm singt oder auch sonst für jede Schandtat bereit ist. Und Astronautin deshalb, weil sie nach der Mittleren Reife anno 1985 die Gesellenprüfung zur Radio- und Fernsehtechnikerin abgelegt hat und nach 14 Jahren Praxis im elterlichen Elektrohandwerksbetrieb im oberbayerischen Feldkirchen-Westerham zudem eine Fachausbildung als staatlich geprüfte Technikerin für Elektrotechnik machte. Und was machte die Ilse aus ihrem Talent?

Zum einen entwickelte sie bei der Eurocopter Group Elektroteile für Hubschrauber, andererseits aber verfolgte sie, nachdem sie in die große Politik eingestiegen war, jede interessante Entwicklung in den Forschungsinstituten beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. … und da kam es dann zu einer tollen Begegnung.

Man schrieb den 4. Mai 2000, als die Crew des Space-Shuttles Endeavour als Gast des DLR zu Besuch kam und unbedingt auch das Kloster Andechs kennen lernen wollte. Ja, und ich durfte diese illustre Gesellschaft begleiten.

Bisher hatten die Astronauten auf das berühmte Kloster lediglich aus dem All einen Blick darauf werfen können. Nun saßen sie in Begleitung von Ilse Aigner, sie war damals Berliner CSU-Bundestagsabgeordnete, unserem früheren Landrat Heinrich Frey – ein toller Landrat übrigens, so ganz nebenbei – und dem damaligen Bürgermeister von Andechs, Karl Roth, wahrhaftig auf dem Heiligen Berg im Saal des Bräustüberls vom Kloster Andechs. Begrüßt wurden die rund 100 Gäste vom damaligen Prior des Klosters, Pater Anselm Bilgri. Die Vorstellung der SRTM-Crew (Shuttle Radar Topography Mission) übernahm der deutsche ESA-Astronaut Gerhard Thiele: „Ich bin heute das erste Mal hier in Andechs.  Und ich muss einräumen, dass ich viel aufgeregter bin als ich es kurz vor dem Start ins Weltall war“, gestand er.

Nach einer Besichtigung der Klosterkirche und der Klosterschätze kam der gesellige Teil. Fürs Anzapfen der zwei 20-Liter Bierfässer aber waren Commander Kevin Kregel (auf dem Foto mit Ilse Aigner) und Bordspezialist Mamoru Mohri zuständig. Die Sorge der Gäste, sie müssten zu lange auf den süffigen Gerstensaft warten, war unbegründet. Kregel brauchte gerade einmal drei Schläge, Mohri schaffte es sogar nach zwei Anläufen.

Alles andere als der flüssigen Astronauten-Kost glich das, was in Andechs als deftige Brotzeit serviert wurde: Knusprige Schweinshaxn und als Beilage a Krautsalat. „Bei so einer Haxn da geht einem doch richtig das Herz auf“, schwärmte Aigner. Sie übernahm es auch, den Gästen ein wenig über „bavarian culture“ allgemein und über unser schönes Fünfseenland zu erzählen.

Als wichtige Info vielleicht noch dazu: Der Flug mit dieser Crew ins Weltall war am 11. Februar 2000. Ziel war die Erstellung von radargestützten Fernerkundungsdaten der Erdoberfläche. Auftraggeber war die NASA. Insgesamt war es die 97. Space-Shuttle-Mission und der 14. Flug der Raumfähre Endeavour. Mitgeflogen sind Kevin Kregel (Kommandant), Dominic Gorie (Pilot) Janet Kavandi und Janice Voss (Missionsspezialistinnen), Mamoru Möri (Missionsspezialist) sowie Gerhard Thiele als Missionsspezialist, der für die deutsche ESA mit dabei war.

Als Gag hatten sich die Astronauten einfallen lassen, einen selbst entworfenen Sticker mit auf die Reise ins Weltall zu nehmen. Gezeigt wird die Endeavour, die zwischen der Weltkugel und 16 Sternen schwebt. Die Sterne aber symbolisieren die insgesamt 16 Kinder der Astronauten. Die Sticker waren übrigens ein Geschenk, dass in Andechs an die Gastgeber der Astronauten – ich hab auch einen bekommen – überreicht wurden.

Text/Fotos: Uli Singer


Uli Singer

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