Eine engagierte Bestatterin, die ihren Mann steht: Jacqueline Zimmermann
Geschätzt, jedoch nicht auf Händen getragen
Gilching – Die Tür fällt nicht einfach ins Schloss. Sie wird leise geschlossen. Dann ein kurzer Moment der Stille. Ein Innehalten. Mit „ich komme jetzt rein“ kündigt Jacqueline Zimmermann leise ihren Besuch an. Sie erwartet keine Antwort. Ihr Besuch gilt einem Verstorbenen, den sie für die Beerdigung vorbereiten wird. Und dann beginnt ihre Arbeit – waschen, anziehen, rasieren, frisieren. Eine Arbeit, die für viele unvorstellbar ist. Eine Arbeit, die sie heute mit derselben Fürsorge ausführt, mit der die gelernte Erzieherin früher ihre Kinder betreute. Sit zwei Jahren ist Jacqueline Zimmermann aus Überzeugung Bestatterin.
Die gebürtige Dresdnerin lebt seit 25 Jahren in Bayern. Die angebotene Stelle einer Erzieherin in einem Kindergarten lockte die heute 44-Jährige nach Puchheim. Dort lernte sie auch Ehemann Sven kennen, der nach einem Berufswechsel seit sieben Jahren als Bestatter bei „Abschied-Bestattungen“ mit Hauptsitz Gilching beschäftigt ist. „Wir haben uns viel über diesen Beruf unterhalten und mein Mann hat viel darüber erzählt. Wie er mit den Verstorbenen und mit der Trauer der Hinterbliebenen umgeht. Und da war stets die Rede von Respekt und Wertschätzung“, erzählt Zimmermann. Da sich außerdem der Beruf der Erzieherin in eine Richtung verändert habe, der nicht ihrem Naturell entsprach, „früher wurden uns Kinder Werte wie Danke sagen oder Grüßen in die Wiege gelegt, das vermisse ich heute sehr“, klopfte sie bei „Abschied“ an und fragte nach, ob sie als Quereinsteigerin im Beruf einer Bestatterin eine Chance habe?
Das war vor zwei Jahren. „Anfangs ist mir der Umgang mit den Verstorbenen aber auch mit der Trauer der Hinterbliebenen schwergefallen. Ich habe aber sehr schnell den Zugang zu meinem neuen Beruf gefunden und mehr Vertrauen in mich selbst aufgebaut, es zu schaffen.“ Dabei habe sie viel an die von ihr betreuten Kinder gedacht, mit denen sie stets einen „respektvollen und liebevollen Umgang“ pflegte und der ihr meist einen schnellen Zugang zu ihren Kindern ermöglichte. „Genau so gehe ich auch mit den Verstorbenen um“, betont Zimmermann. „Ich rede liebevoll mit ihnen wenn ich sie wasche, ankleide, frisiere oder rasiere. Erkläre aber auch, warum eine Haarsträhne besser nach hinten gebunden werden muss oder lobe den Verstorbenen für seinen gepflegten Bartwuchs. Und, ich entschuldige mich, wenn ich versehentlich etwas falsch mache.“
Jacqueline Zimmermann ist eher von zierlicher Statur. Doch dies hat Kräftemäßig keinen Nachteil. Wie ihre männlichen Kollegen packt sie mit an, wird mit ihrer Hilfe der Verstorbene in den Sarg gelegt und der Sarg zum Grab getragen. Und auch die Urnen, die während einer Rede an der Urnentafel gehalten werden müssen, seien nicht leicht, betont Zimmermann. Selbst als es um einen Selbstmörder ging, der sich vor eine S-Bahn warf, zögerte sie nicht, die Leichenteile mit einzusammeln.

„Es gibt viele unterschiedliche Arten, wie Menschen zu Tode kommen und wir wissen selten vorher, was uns erwartet. Wir müssen aber beruflich immer unser Bestes geben und anschließend versuchen, die Umstände emotional nicht zu sehr an uns heranzulassen. Was besonders schwer fällt, wenn es um Kinder geht“, betont Zimmermann.
Gleichen Respekt, wie den Verstorbenen gegenüber, zollt Zimmermann auch den Hinterbliebenen. „Sie brauchen Zeit für die Trauer, brauchen jemanden zum Reden, jemanden, der sie in den Arm nimmt, der ihre Fragen beantwortet und jemanden, der auch eingesteht, dass das Leben so nicht weitergehen wird, doch dass die Erinnerungen bleiben. Manche Hinterbliebene sind traurig, andere reagieren wütend oder aber ängstlich darüber, was sie ohne den Verstorbenen nun erwartet. Für solche Gespräche nehmen wir uns viel Zeit.“
Kraft für die vielfältigen, aber auch emotional sensiblen Aufgaben, geben ihr, so Zimmermann, viele positive Rückmeldungen. Was nicht nur auf sie, sondern auf das gesamte Team zutreffe: „Es zeichnet uns bei Abschied aus, dass wir nicht nur bürokratisch unsere Aufgaben erledigten, sondern dass stets der Mensch und der zwischenmenschliche Umgang im Vordergrund steht. Das gilt für mich, wie für meine Chefs wie auch für meine Kollegen.“
Apropos neuer Kollege: seit September letzten Jahres gibt es da den 16Jährige Leon Zimmermann. Richtig, es ist der Sohn von Jacqueline und Sven Zimmermann, der, angesteckt von der Leidenschaft der Eltern, gerade eine Ausbildung zum Bestattungsfachmann macht. „Nein, er musste dazu nicht gedrängt werden. Schon als Kleinkind hatte er sich immer erkundigt, was wir so machen und warum wir es machen. Da wir stets positiv über unseren Beruf geredet haben, hat das anscheinend abgefärbt“, betont die stolze Mama.
Und was macht Jacqueline Zimmermann zum Ausgleich? Horoskope zum Frühstück lesen, alle zwei Wochen einen Friseurbesuch einschieben und mit Begeisterung den Haushalt auf Vordermann bringen, sagt sie. „Wenn ich den Haushalt erledige, läuft nebenher super Musik, bei der ich mich bewege und so auch körperlich fit bleibe.“ Im Übrigen sei sie für jeden Quatsch zu haben, versichert Zimmermann, „da viel Humor und viel Lachen mein Leben bereichert“.
Derzeit sind bei Abschied-Bestattungen in Gilching plus 14 Filialen acht männliche Bestatter plus eine weibliche Bestatterin beschäftigt. Zimmermann: „Ich bin zwar die einzige Frau, und wir schätzen und alle sehr. Aber ich werde keineswegs auf Händen getragen.“
Text/Fotos: Uli Singer



