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Vor gut 120 Jahren startete das Dorf Gilching ins Industriezeitalter

Gilching – Wer heute rund um die Sägewerk-, Pollinger- und Andechser Straße in Gilching vorbeifährt, ahnt kaum noch, welche Bedeutung dieser Bereich einst für die Entwicklung von Gilching hatte. Heute steht als Zeugnis der damaligen Zeit nur noch die Keck-Villa – oft auch „Sägewerksvilla“ genannt – die bei letztes Sinnbild für den Aufbruch und die Industrialisierung der Gemeinde Gilching ist. Sie sollte zwecks Wohnungsbau bereits abgerissen werden. Doch dies wurde über eine Unterschriftensammlung schließlich verhindert.


Untrennbar verbunden ist diese Entwicklung mit dem Zimmerer und Baumeister Melchior Fanger – einem Mann, der die Zeichen seiner Zeit früh erkannte. Als die Bahnlinie im Jahr 1903 Gilching erreichte, bestand der Ort im Wesentlichen noch aus dem alten Dorfkern. Landwirtschaft prägte das Leben. Doch mit der Bahn kamen plötzlich Mobilität, neue Handelswege – und die Industrialisierung.

Melchior Fanger nutzte diese Chancen. Direkt am Bahnhof ließ er ein Dampfsägewerk errichten – zu einer Zeit, als Holz in Oberbayern ein enorm wichtiger Rohstoff war. Die neue Bahnverbindung machte es erstmals möglich, große Mengen Holz über weite Strecken zu transportieren. Bereits 1909 arbeiteten rund zwanzig Beschäftigte im Gilchinger Werk – für damalige Verhältnisse eine beachtliche Zahl.

Foto: Gemeinde-Archiv

Doch Fanger dachte weiter

Da ihm große Grundstücke entlang der Bahntrasse gehörten, spielte er unter anderem auch bei der Entstehung der sogenannten Waldkolonie (Neugilching) eine bedeutende Rolle. Für wohlhabende Münchner Sommerfrischler plante er Blockhäuser – gebaut mit Holz aus dem eigenen Sägewerk. So entstanden nach und nach entlang links der Bahnlinie erste Sommerhäuser, die das Ortsbild nachhaltig veränderten.

Auch das Bahnhofsviertel selbst wurde von Fanger entscheidend geprägt. So holte er die Bahnhofsrestauration Wallner nach Gilching und wirkte am Aufbau der damaligen Villenkolonie mit.

Vermutlich um 1921 verkaufte Melchior Fanger das Sägewerk an Johann Bissinger. Dieser bezog eine Villa in der heutigen Sägewerkstraße 9 – direkt gegenüber des Bahnhofs. Das Gebäude wurde später von Maria Treffler erworben und fiel 1969 als Stiftung an die Gemeinde. Heute ist anstelle der einstigen Villa zwischen Sägewerkstraße und Pollinger Straße ein modernes Wohn- und Geschäftshaus entstanden.

Der spätere Besitzer des „Dampfsägewerks“ war Max Keck, der sich in direkter Nachbarschaft zum Sägewerk eine eigene Villa (Bildmitte) zu Wohnzwecken errichtete. Das gewaltige Tonnengewölbe (rechts im Bild) aus Holz aber, in dem das Sägewerk untergebracht war, wurde vor 17 Jahren abgetragen (Kosten rund 74000 Euro) und neu an der Zeppelinstraße im Gewerbepark Gilching Süd wieder aufgebaut. Anstelle des Tonnengewölbes aber steht heute das BRK-Pflegeheim bzw. „Betreutes Wohnen“.

Das alte Sägewerk an der Pollinger- Ecke Andechserstraße

Als einzige Erinnerung an den Beginn der Industrialisierung ist im Ortskern von Gilching lediglich die so genannte Keck-Villa geblieben, in der heute die Gilchinger Tafel sowie die Streetworker untergebracht sind.

Das historische Sägewerk wurde wie saures Bier angeboten

Gilching – „Halle zu verschenken“ lautete im April 2009 das Angebot der Gemeinde Gilching. Erst schien es so, als würde die Kommune auf dem historischen Relikt sitzen bleiben, da fand sich zu guter Letzt noch ein Liebhaber. Und was viele Gilchinger freute, sie wurde nur wenige paar Kilometer weiter ins Gewerbegebiet Süd verlegt und dort steht sie heute noch zwischen modernen Bürogebäuden und Lagerhallen.

Hier beim Aufbau im Frühjahr 2009 – ja, damals gab es noch Schnee…

Es waren Wolfgang Metzger, Schaustellerbetrieb, und Thomas Luft, Transporte, denen das Holz-Gebäude gerade Recht für ihre Zwecke kam. Das 26 mal 21 Metern große Tonnengewölbe sollte als Lagerhalle aber auch für Ausstellungen dienten. Die Kosten für eine Demontage, die der neue Besitzer übernehmen musste, wurden auf 74 000 Euro geschätzt. Problem war seinerzeit nur: Der Bebauungsplan Süd für Baustufe I, der bereits in Kraft getreten war, sah diese Art der Dachform nicht vor. Auch das Starnberger Kreisbauamt, das in das Verfahren eingebunden wurde, sah keinen Ausweg. Bürgermeister Thomas Reich jedoch hatte eine Idee. Er verwies auf das neue Baugesetz, das seit 20. Juli 2009 in Kraft getreten war. Danach konnte unabhängig von Baustufe I nun auch für Baustufe II ein eigener Bebauungsplan auf den Weg gebracht werden – und speziell für ein Grundstück abweichend von Flach- und flach geneigten Dächern auch das Tonnendach mit aufgenommen werden. An die Halle, die eine Wandhöhe von 4,20 Meter aufweist, sollte zudem ein Anbau mit einer Wandhöhe von neun Metern angebaut werden. Der Bauausschuss stimmte dem Vorhaben zu.

Text/Fotos: Uli Singer



Uli Singer

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