Nachts, wenn sich Gilchings Kiltis zeigen
Drei junge Menschen seit 1.300 Jahre unter Gilchings Erde – im Oktober erzählen sie ihre Geschichte an der Fassade des Wersonhauses
Von Manrico Wortacker
Mehr als 1.300 Jahre lang hielten Kilti, Kilterich und Kiltine unter der Gilchinger Erde bemerkenswert zuverlässig den Mund. Bia dann im September 2012 die Archäologen anrückten und zu graben anfingen. Und plötzlich gab es wieder allerhand zu erzählen.
Entdeckt wurden ihre Gräber bei Bauarbeiten an der Ecke Römerstraße und Steinlacher Weg. Nachdem der Mutterboden abgetragen worden war, zeigten sich zunächst nur Verfärbungen im Boden. Bald aber stieß die Grabungsfirma auf drei Skelette und teilweise außergewöhnliche Grabbeigaben. Die Toten, von denen nur noch Skelette übrigen waren, waren jung, stellten die Experten fest: es handelte sich um zwei Männer im Alter zwischen etwa 17 und 30 Jahren sowie um eine junge Frau, die vermutlich kaum älter als 23 geworden war. Gelebt hatten sie im siebten Jahrhundert nach Christus, wahrscheinlich zwischen 660 und 680 – also bereits rund zwei Jahrhunderte vor der ersten urkundlichen Erwähnung Gilchings als Kiltoahinga im Jahr 804. Davon leiten sich auch ihre heutigen Namen ab: Kilti, Kilterich und Kiltine.
Einer der jungen Männer sie offenbar kein gewöhnlicher Dorfbewohner gewesen. In seinem Grab lagen ein Langschwert, ein Kurzschwert, ein Schildbuckel, aufwendig gearbeitete Gürtelbeschläge und ein Sporn. Der Sporn lässt vermuten, dass er ein Pferd besaß. Wissenschaftler halten es deshalb für möglich, dass Kilti zur berittenen merowingischen Militärelite gehörte.
Kiltine wiederum nahm eine Halskette aus Glasperlen mit ins Grab. Beim dritten Toten, Kilterich, fanden sich weitere Gürtelbeschläge. Pfostenlöcher in unmittelbarer Nähe deuten zudem auf ein Langhaus hin. Möglicherweise handelte es sich um Bestattungen auf einem frühmittelalterlichen Hof.
Jahrelange Untersuchungen entlockten den Knochen und Zähnen erstaunliche Einzelheiten. Kilti war demnach zwischen 19 und 23 Jahre alt, etwa 1,71 Meter groß, blond und blauäugig. Kilterich und Kiltine hatten vermutlich braune Haare und Augen. Kilterich vertrug keine Milch, Kiltine besaß eine auffällige Zahnlücke. Die beiden Männer waren wahrscheinlich nicht in Gilching aufgewachsen, sondern stammten aus dem Gebiet des heutigen Bayerischen Waldes.
Und obwohl die drei gemeinsam bestattet worden waren, ergaben DNA-Untersuchungen: Verwandt waren sie offenbar nicht.
Aus drei namenlosen Skeletten wurden nach und nach drei junge Menschen mit Herkunft, Aussehen und Lebensgeschichte. Ihr Fund gab schließlich einen entscheidenden Anstoß zur Einrichtung des Museums „SchichtWerk – Zeitreisen im Wersonhaus“, das im März 2017 eröffnet wurde. Dort sind heute die restaurierten Grabbeigaben und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen zu sehen. Ausführliche Informationen zu den Kiltis – KLICK HIER!
Nun kehren Kilti, Kilterich und Kiltine auf ungewöhnliche Weise in die Öffentlichkeit zurück
Vom 16. bis 18. Oktober 2026 verwandelt sich die Fassade des Wersonhauses jeweils bei Einbruch der Dunkelheit in eine große Bühne. Unter dem Motto „Das Museum leuchtet!“ werden Fundstücke aus bajuwarischer und römischer Zeit mit Licht, Bildern, Musik und Videoprojektionen neu in Szene gesetzt.
Im Mittelpunkt steht die interaktive Installation „Kennst du des da? – Geschichte(n) zum Erraten“. Kinder und Erwachsene beschreiben historische Gegenstände, das Publikum darf mitraten. Beiträge der Gilchinger „WortReichen“ unter dem Jahresmotto „zusammen.WIRken“ ergänzen das Programm.
Die Inszenierung wird etwa alle 25 Minuten wiederholt. Ein Einstieg ist deshalb jederzeit zwischen 19.30 und 22 Uhr möglich. Gleichzeitig öffnet das „SchichtWerk“ bis 23 Uhr seine Türen. Dort können Besucher den drei Kiltis näherkommen, die Grabbeigaben betrachten und an Medien- und Mitmachstationen Gilchings Vergangenheit Schicht für Schicht entdecken.
Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Und so bekommen drei junge Menschen, die vor mehr als 1.300 Jahren lebten, noch einmal einen großen Auftritt: nicht als namenlose Knochen hinter Glas, sondern leuchtend und weithin sichtbar an einer Gilchinger Hauswand.



