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Als ich den Fairchild-Ingenieuren das Fliegen mit einem Regenschirm erklärte…

Aus der RETRO-KISTE: Januar 1998

Oberpfaffenhofen – Es gibt Erlebnisse, die vergisst man nie. Nicht, weil sie besonders heldenhaft waren, sondern weil man sich Jahre später noch darüber amüsieren kann, gleichwohl das Ereignis zum Zeitpunkt des Geschehens mehr als peinlich war. Es war einer jener eisigen Januartage in Oberpfaffenhofen, an denen selbst die Kälte Ehrfurcht vor einem historischen Ereignis zu haben schien.


Eingeladen war zum Jungfernflug des 328er Jet. Am Flugfeld stand er nun neben dem durchaus erfolgreichen Vorgänger-Modell 228er Prop. Die Welt schaute auf Oberpfaffenhofen, inwieweit das Werk ein weiteres Erfolgsmodell auf den Weg schickte. Als einzige Pressevertreterin durfte ich dabei sein. Umringt vom Fairchild-Präsidenten Carl Albert, den Chefentwicklern Earl Robinson und Richard (?) sowie zahlreichen Ingenieuren beobachteten wir aufgeregt, wie sich die zwei Flieger auf in luftige Höhen machten. Meine kleine Kamera war – damals war noch ein Film eingelegt – ständig in Bereitschaft, ein gelungenes Foto für die Nachwelt festzuhalten. Da flogen sie nun, Flügel an Flügel über Oberpfaffenhofen.

Ich fror erbärmlich, war aber angesichts dieses für mich einmaligen Ereignisses total gerührt. Ähnlich ging es den beiden Chefentwicklern, die den Freudentränen nahe waren. Jetzt wollte auch ich meine Begeisterung in Worten ausdrücken. In englisch, versteht sich, da das komplette Fairchild-Team um mich herum nur englisch sprach. Problem war nur, dass ich über ein jahrelang vernachlässigtes Schulenglisch nicht hinaus kam. Und so sagte ich lautstark, damit ich auch überall verstanden wurde:

„It is so wonderful, it is so beautiful, it is so great!“ … Die Experten aus der Luftfahrt nickten mit freundlich und zustimmend zu. Mutig geworden wollte ich dann noch erzählen, das ich bisher nur ein einziges mal geflogen war und verkündete deshalb mit stolz geschwellter Brust:

„My first flight was with an umbrella!“

Plötzlich wurde es still. Sehr still. Erst Sekunden später begriff ich, was ich gerade erzählt hatte. Ich hatte den wichtigsten Flugzeugentwicklern der Welt erklärt, dass ich meine ersten Flugerfahrungen mit einem Regenschirm gesammelt hatte. Jetzt war guter Rat teuer und deshalb entschied ich mich für die einzige Möglichkeit, die mir damals sinnvoll erschien: Ich spielte Mary Poppins… Mit ausgestrecktem Arm deutete ich an, wie ich elegant am Regenschirm durch die Lüfte schwebte.

Einige lachten. Andere schauten mich an, als wollten sie herausfinden, ob in Bayern tatsächlich Menschen auf diese Weise reisen. Ach so, was ich eigentlich sagen wollte, war: “My first flight was in a helicopter.” Ich war damals eingeladen, von Starnberg aus über Andechs und rund um den Ammersee in einem Hubschrauber mitzufliegen.

Und nur so nebenbei: Beim Jungfernflug hatte sich der damalige und mittlerweile verstorbene Chefentwickler Richard tatsächlich in mich verliebt – trotz peinlicher Regenschirmgeschichte – oder auch deretwegen. Wir hatten noch wunderschöne Jahre, bis die Insolvenz den Traum vom 728er Jet und die Ära Fairchild-Dornier endgültig begraben hat.

Uli Singer – ich schwöre, so und nicht anders hatte es sich damals zugetragen!


Uli Singer

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