Diakon verweigert sich als Nacktmodell
RETRO-Geschichte - erschienen im Jahr 2000 im Buch "Zuaghört und aufgschriem"
Den wenigsten dürfte bekannt sein, wer einst Modell für das Uttinger Brunnenbüberl stand. Der blondgelockte Knabe hieß Ludwig Streicher und war einst Diakon in Andechs und Dießen. Streicher war generell sehr umtriebig und hat etliches auf die Beine gestellt. Doch spannend war es seinerzeit immer dann, wenn er seine Andechser Maß hatte und ins Erzählen kam. So auch folgende Geschichte:
Im zarten Alter von gerade einmal zwei Jahren wurde er von der Uttinger Bildhauerin Margot Flechtner auserkoren, für die ihr übertragene Arbeit – ein Brunnenbüberl für den zentralen Dorfplatz in Utting – Modell zu stehen. Eigentlich war geplant, dass das Wasser, wie es bei Brunnenbüberl so üblich ist, aus aus dem dafür vorgesehenen Schniepel sprudelt. Doch die Künstlerin hatte die Rechnung ohne den aufmüpfigen Zweijährigen gemacht – und das kam so:

Der Ludwig sei schon als Kind sehr g’schamig gewesen, sagt man sich. Und da sei es für ihn überhaupt nicht in Frage gekommen, sich dieser fremden Frau splitterfasernackt zu zeigen. Mit Schokolade und mit Bonbons, mit Spielzeugautos und mit Gummibärchen habe sie ihn gelockt. Doch Klein-Ludwig hielt sämtlichen Versuchungen stand. Seinen Schniedelwutz sollten weder die Bildhauerin, noch die Menschen zu sehen bekommen, die sich den Brunnen im Ortskern von Utting einmal anschauen würden.
Anfangs dachte Margot Flechtner, den kleinen Ludwig im Laufe der Zeit doch noch überreden zu können. Deshalb fing sie schon einmal mit ihrer Arbeit an. Erst schuf sie den Kopf mit dem wallenden blonden Haar, dem Ludwig Streicher heute noch nachweint, dann formte sie den Oberkörper und so weiter und so fort. Ludwig war ein braves Modell und tat, was man von ihm verlangte. Bis es Ernst wurde und die Bildhauerin sich an den Schniedelwutz heran machte, aus dem, so war es geplant, später einmal das Wasser sprudeln sollte. Doch Ludwig weigerte sich vehement, die Hosen runter zu lassen.
Da hatte Mama Anna Streicher eine glorreiche Idee: Sie schlug der Bildhauerin vor, sie solle doch am Samstag wie ganz zufällig vorbeikommen. Dann nämlich, wenn der Ludwig wegen seiner wöchentlichen Badeaktion nackt in der Badewanne saß. So, dachte es sich die Mama, ließe sich das strittige Teilchen wie beiläufig begutachten und anschließend aus dem Gedächtnis modellieren.
Die beiden Damen erlebten erneut eine Enttäuschung. Der Ludwig nämlich war nicht nur gschamig, sondern hatte auch hellseherische Fähigkeiten. Er roch den Braten rechtzeitig und umklammerte, noch ehe die Bildhauerin einen gewagten Blick auf sein wertvollstes Stück erhaschen konnte, mit beiden Hände krampfhaft jenes und ließ keinen Zweifel daran, die Hände jemals wieder weg zu nehmen. Kein Betteln half und auch kein Bitten. Ludwig ließ sich nicht erweichen. Während die beiden Damen beschwörend auf ihn einredeten, kam ihm Vater Josef zu Hilfe und stellte nur lakonisch fest: „Also, wenn de jetzt no net woaß, wia so etwas ausschaugt, dann soll’ sie’s lieber bleiben lassen.“

Ludwig war gerettet, die Bildhauerin musste unverrichteter Dinge abziehen. Und weil sie ja jenes Teilchen nicht zu Gesicht bekommen hatte, modellierte sie als Ersatz einen Fisch, den sie dem Brunnenbüberl unter den Arm steckte. Ja, und deshalb spuckte beim Brunnenbüberl in Utting das Wasser nicht aus einem Schniedelwutz, sondern viele Jahre lang aus dem Maul des dicken Fisches und da, wo ursprünglich das Corpus delicti hinkommen sollte wurde ein Schal platziert!
Mittlerweile ist das Brunnenbüberl rund 50 Jahre alt und schon ein wenig abgegriffen. Die Wasserspeisung aber, die einst über den Fisch sprudelte, ist inzwischen ein paar Sprudlern aus der Säule gewichen.
Uli Singer



