Rein erzählerisch sind die Charaktere im Kasperltheater leichter zu schreiben
Richard Oehmann, Autor und Regisseur des Nockherberg-Singspiels, präsentiert in Tutzing bislang unveröffentlichte Texte sowie politische Ungereimtheiten
Tutzing – Am Samstag, 7. November, ist Richard Oehmann, Autor und Regisseur des Nockherberg-Singspiels, zu Gast in der Evangelischen Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Auf dem Programm stehen zum Thema „Derbleckereien“ erstmals bislang unveröffentlichte Texte sowie politische Ungereimtheiten der vergangenen Jahre. Im Vorfeld baten wir Oehmann, uns dazu fünf Fragen zu beantworten. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. Eintrittskarten sind ausschließlich Online über www.rausgegangen.de erhältlich. Der Eintrittspreis beträgt 17 Euro.
„Was am Nockherberg nicht gesungen wurde – Richard Oehmann öffnet seine geheime Derblecker-Schublade“
Stanet: Die politische Wirklichkeit liefert inzwischen täglich Szenen, die früher selbst einem übermütigen Satiriker zu unglaubwürdig erschienen wären. Wird es für Sie dadurch leichter, ein Singspiel zu schreiben – oder immer schwieriger, die Realität noch komisch zu übertreffen?
Oehmann: Das ist eine alte, ja, traditionelle Frage an alle Satiriker. Dieter Hildebrandt hat die schon beantworten müssen, vielleicht sogar Tucholsky, Nestroy oder Molliere. Die waren schlauer als ich, da möchte ich nicht auch noch irgendwas meinen. Rein subjektiv finde ich die Wirklichkeit grade eher gruselig als komisch, aber das ist den vorher Genannten vielleicht auch so gegangen. Dem Hildebrandt bestimmt.

Stanet: In Ihren „Derbleckereien“ holen Sie auch verworfene Szenen, unvertonte Liedtexte und sogar ein komplett abgesagtes Singspiel aus der Schublade. Bei welchem gestrichenen Einfall hat Ihnen das Autorenherz am meisten geblutet – und wer oder was hat ihn damals vom Nockherberg verbannt?
Oehmann: Es wird beim Derblecken immer vermutet, dass da alle möglichen Eingriffe stattfinden, womöglich durch die Politik selbst. Insofern muss ich enttäuschen. Zwei ganze Singspiele sind nur wegen Covid bzw. dem Ukraine-Krieg nie aufgeführt worden. Das war natürlich extrem schade für uns, aber verglichen mit dem Anlass völlig wurscht. Andere Texte haben wir selbst gestrichen, wenn z.B. ein Lied nirgendwo mehr reingepasst hat. Es sind also keineswegs von dunklen Mächten vereitelte Passagen. Das Singspiel von 2022 lese ich fast komplett vor. Da sagen viele Zuschauer hinterher: „Das muss man doch irgendwie aufführen!“ Geht natürlich längst nicht mehr. Aber manche Texte könnten schon vielleicht noch genutzt werden. Dann hört man sie in meinem Programm als Erstes. Andrerseits wissen mein Kollege, Stefan Betz und ich noch gar nicht, was wir im nächsten Februar machen.
Stanet: Seit mehr als 30 Jahren erwecken Sie beim Doctor-Döblinger-Kasperltheater Figuren zum Leben; seit 2018 tun Sie Ähnliches mit Bayerns politischer Prominenz. Hand aufs Herz: Wer lässt sich leichter führen – der Kasperl an der Schnur oder ein Politiker auf dem Nockherberg?
Oehmann: Da muss ich jetzt Obacht geben, weil am Nockherberg sind zwischen mir und den Figuren ja noch die Schauspielerinnen und Schauspieler, und die sind so gut, die sollte man keinesfalls mit Kasperlpuppen vergleichen. Rein erzählerisch sind die Charaktere im Kasperltheater leichter zu schreiben, denn dem politischen Personal kann man ja nicht so einfach irgendwelche Charakterzüge andichten. Das bremst uns oft, denn wir wollen ja niemandem Unrecht tun oder inhaltlich völlig schief liegen. Aber es sind schon jeweils Typenkomödien. Beim Kasperltheater für Kinder sollte es gut ausgehen, beim Derblecken und in der Wirklichkeit – naja, schau ma mal.
Stanet: Ich selbst habe auf dem Nockherberg einmal bei einem großen Schafkopfturnier mit rund 1200 Gästen einen kompletten Stromausfall erlebt – und gelernt, dass hinter den Kulissen manchmal das bessere Theater stattfindet. Welcher ungeplante Moment hat Sie beim Singspiel am meisten ins Schwitzen gebracht – und können Sie heute darüber lachen?
Oehmann: Vielen Dank für die interessante Vermutung, dass unser Theater hinter den Kulissen besser sein könnte. Mir fällt dazu gar nichts Spezielles ein, ich neige auch nicht so zum Schwitzen. Oft gibt es Stellen, die beim Proben ewig nicht klappen und dann am Ende bestens durchlaufen. Einmal ist auch eine haarige Stelle durch einen lauten Lacher im Publikum perfekt gerettet worden. Die Aufführung selbst ist dann eben doch entscheidend, insofern halte ich das Theater auf der Bühne für spannender.
Stanet: Beim Derblecken werden andere genüsslich auf ihre Schwächen abgeklopft. Wenn Richard Oehmann für eine Szene selbst zur Nockherberg-Figur würde: Welche Ihrer Eigenheiten müsste ein wirklich guter Autor unbedingt aufs Korn nehmen?
Oehmann: Auweh. Sowohl der Stefan Betz als auch ich sind natürlich recht makellose Typen, die man unmöglich parodieren kann, auch charakterlich völlig unangreifbar. Insofern ahnen wir schon lang, dass wir die viel, viel gscheiteren Politiker wären. Wir sind trotzdem sehr froh, dass wir deren Job nicht machen müssen, schon weil die Ärmsten von uns zwei Deppen immer so blöd angegangen werden.
Dazua sog I nix! Außer Danke fürs Interview….
Uli Singer );-)))


