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Nostalgie mit Amigo-Faktor

Gilching – „A Hexenverbrennung wenn’s de no geben daad, waar d‘Singerin die erste, de aufn Scheiterhaufen landen daad“, soll dereinst Pater Anselm von Andechs auf einer Veranstaltung im Klostergasthof angesichts eines ihm nicht genehmen Pressetextes in punkto Pilgerhotel erklärt haben. „Des waar net goa so schlimm. I wissat scho oan, den i mitnehma dat,“ konterte seinerzeit Uli Singer.


Foto von links: Karl Roth, Uli Singer und Anselm Bilgri

Dem höllischen Wortgefecht folgte eine jahrzehntelange Freundschaft und ein Duo Infernale, das jetzt einmal mehr zusammen auf der Bühne stand. Nicht auf der politischen, sondern auf der realen im Gilchinger KultCafé. Mit dabei war auch ein quasi professioneller Streitschlichter, Andechser Ex-Bürgermeister und Ex-Landrat Karl Roth. Das Ergebnis: Ein „WortWechsel“ der Andechs-Connection, der sich bestens als Auftakt zu einer neuen Veranstaltungsserie „WortWechsel“ „der Singerin“ eignet, die stets ein bisserl chaotisch, doch immer authentisch die Leute genau damit zum Erzählen bringt.

„Ich habe mich stundenlang darauf vorbereitet, ein Manuskript mit Fragen ausgearbeitet – und nichts davon verwendet.“ Uli Singer spricht’s nur kurz an. Ihre Gäste sind es nicht anders gewohnt. Ist ja gut gelaufen, der Abend. Nur: Theoretisch dürfte ihr danach jetzt jeder eine Wtaschn geben. Nicht wegen des Manuskripts, sondern wegen der „alten Zeiten“, die da nostalgisch, spitzbübisch und durchaus ein bisserl andechs-amigomäßig anklangen. „Früher war’s viel besser: Wenn i des mal anfang‘ zu sagn, dann gebt’s ma glei a Watsch“, lautete Singers Leitspruch über viele Jahre. „Heit kannt’s ma jeden Tag a Watsch gebn. Früher war es wirklich besser.“ So viel Ehrlichkeit muss sein.

Anselm Bilgri – ein gern gesehener Gast, auch im KultCafe z’Guiching

Apropos Ehrlichkeit: Anselm Bilgri zog als Andechser Pater 2004 die Reißleine, trat der alt-katholischen Kirche bei (die u.a. nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes glaubt). Seit 2021 ist er dort Priester und zudem verheiratet mit seinem Partner. Den Mut, unkonventionelle Wege zu gehen, hatte er dabei schon immer. Aufgewachsen in einer Haidhauser Wirtschaft wusste er auch als Andechs Prior und Cellerar auf seine Weise, mit seinem unglaublichen Netzwerk und vor einem Spalier an zugedrückten Augen, zu leiten. Bei den Plänen, zusammen mit Ayinger und Kaltenbrunner ein Zelt auf dem Oktoberfest aufzumachen, brachte es Ayinger-Chef Sepp Inselkammer damals auf den Punkt: „Wir setzen eine ganzseitige Anzeige in die Zeitung, die keiner anschaut. Über dich stehen grad Mal fünf Zeilen drin, und die werden gelesen.“ Noch heute freut sich Anselm über diese Äußerung diebisch. Falsche Bescheidenheit ist nicht sein Ding.

Zum Foto: Seefelds ehemaliger Bürgermeister Wolfram Gum, dem scheinbar irgendwie beim „WortWechsel“ bewusst werden ist, was sich da oben auf dem Heiligen Berg alles abgespielt hat…
Zum nächsten WortWechsel am Mittwoch, 4. November, 19 Uhr, sind Gum zusammen mit Claus Angerbauer Gast im KultCafe.

Zurück zur falschen Bescheidenheit, mit der Anselm Bilgri nie ein Problem hatte. Warum auch? Was hat er nicht alles geplant. Golfplatz und Pilgerhotel sollten nach Andechs kommen – Pilgerhogel auch deshalb, damit d’Singerin im Bräustüberl mit den Stammgästen mithalten könne, statt heimfahren zu müssen, weil der Alkoholspiegel ansonsten Probleme gemacht hätte.Vor allem aber war es laut Anselms Ziel, dem Landkreis endlich ein Großhotel zu bescheren, das bis heute fehlt. Als das Landratsamt jedoch aus der Zeitung von den Plänen erfuhr, musste das Kloster erst einmal ein Phantomgerüst aufstellen, um die Ausmaße einschätzen zu können. Das aber war dann doch ein bisserl arg hoch geworden und soll gar den Andechser Kirchturm überragt haben. Daran wollen sich freilich weder Roth noch Anselm so genau daran erinnern.

„In der Bürgerversammlung hat es dazu schon gebrodelt“, räumt Anselm ein. Nicht das einzige Mal, dass die Wellen, die Schlagzeilen und die Publicity rund um Andechs‘ umtriebigen Pater hochschlugen. Sein Kommentar dazu: „Wie ich in das Kloster eingetreten bin, habe ich mir auch was anderes vorgestellt.“ Gescheitert ist das Pilgerhotel-Projekt schlussendlich an der Höhe, der Golfplatz an der so genannten Golfplatz-Dichte im Münchner Norden. Wobei die Grünen-Politikerin Ruth Paulig etwas nachgeholfen, indem sie inmitten des geplanten Golfplatzes einen kleines Grundstück kaufte und dort jedes Jahr ihren vermeintlichen Erfolg feiert. „Wir hätten einfach drumherum gebaut“, bemerkt Anselm trocken.

Zugeben tut er auch: „Ich war öfters auf dem Gericht.“ Und setzte dort auch die „liberalitas andechsiensis“ durch. Ale Erstes etablierte er außerdem statt eines geforderten Betriebsrates drei verschiedene Organe der Personalvertretung von Brauerei, Bräustüberl und Kloster und damit auch gleich für die Renter die Hälfte der flüssigen Tagessolds von sechs Litern. Den einstigen Pater von Andechs dauerte auch sein Spezl Karl Roth: Damit der – zunächst ehrenamtliche – Andechser Bürgermeister – auch eine schwere Amtskette bekam, startete er einen Spendenaufruf. „Und wenn du Landratskandidat wirst, organisiere ich den Wahlkampf“, versprach er zudem. Dazu kam es nicht mehr, weil Anselm das Kloster nach längeren Streitigkeiten dieses verließ und Karl Roth erst danach von 2008 bis 2020 als Landrat aktiv war.

Zum Foto: Überrascht wurde Anselm Bilgri von seiner ehemaligen Sekretärin, der „Resi“ Eisenschmied. Ja, 13 Jahre lang war die heute 84Jährige dem damaligen Prior von Andechs zu Diensten. Gefragt danach, wie er denn so als Chef gewesen sei, schüttelte sie nur den Kopf. „Von mir erfahren Sie nix. I sog nix!“ Unabhängig davon genoss sie den Abend und hat mit Sicherheit ganz im Geheimen in schönen Erinnerungen geschwelgt.

Zurück nach Andechs: „Anselm ist ein Spezialist für Netzwerke“, resümiert Roth. „Er hatte jeden Monat einen ganz geilen Stammtisch gehabt mit Schauspielern, Ministern, Staatssekretären.“ „Und der jeweilige Justizminister war auch immer da – nachdem er die JVA Rothenfeld besuch hatte“, fügt Anslem an. Nicht etwa, weil der Heilige Berg so hoch war, dass man selbst in den Wolken nicht mehr so genau hätte sehen können, was sich unten so alles abspielt. Oder weil es Sonderrechte so nah bei Gott gegeben hätte. Wäre ja auch sofort von der Presse, vulgo: Uli Singer, kommentiert worden. Schneiden wir hier einen späteren Gesprächsfetzen dazu: „Ich war vier Jahre auch der Pater von Andechs“, so Anselm. „Die haben mir vorgeworfen: Du bist öfters in der Zeitung als bei uns.“

Was allerdings in die Zeitung kam, war ein Aprilscherz, den sich ein Machtlfinger Floriansjünger erlaubte, der lediglich d’Singerin in den April schicken wollte. Zu einem Fest am neuen Gewerbegebiet Rothenfeld lud er im Namen der Machtlfinger Wehr ein. Letztendlich waren alle da, der leidgeprüfte Roth, der eigens die Bürgermeisterdienstversammlung in Starnberg verließ, sein Sohn, der ein Faßl Bier sowie Andechser Würschtl besorgt hatte, der Herrschinger Polizeichef Reller und die Pressevertreter. Nur Frau Singer ließ sich aus Termingründen entschuldigen, weshalb statt ihrer eine Kollegin aus der Merkur-Redaktion den journalistischen Part übernahm. Auch wenn Uli Singer stets beschwor, unschuldig an dem Missverständnis zu sein… Karl Roth behauptet nach wie vor: „Das war hart damals. Und dass sie unschuldig an dem Spektakel war, das glaube wer wolle.“

Schon lange ist es ziemlich ruhig geworden in und um Andechs. Tut sich da gar nix mehr? Karl Roth wirbt für Verständnis: „Die Abtei hat viel in St. Bonifaz in München investiert und auch die Brauerei saniert. Das kriegt nur die Öffentlichkeit nicht mit.“ War es aber früher nicht lustiger, lauter, mehr Miteinander? Ist das Miteinander nicht die Lösung für die aktuellen politischen Extrem-Talfahrten? „Wir müssen reden miteinander“, lautet Roths Plädoyer. „Man muss den Menschen zuhören und sie ernst nehmen. Und, man muss immer Kompromisse schließen und man muss ehrlich sein.“ „Ein ehrliches Gespräch ist mühsam“, ergänzt Anselm. In diesem Sinne liefert Roth dazu das übergeordnete Schlusswort für die Diskussionskultur des Abends und des Abendlandes: „Demokratie ist gut. Aber sie gehört gepflegt.“

Text: Freia Oliv
Fotos: Andrea Jaksch


Uli Singer

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