Aktuelles

Wie die Gemeinde Andechs zu einer Bürgermeisterkette kam

Es war Pater Anselm Bilgri, der das schwere Teil Bürgermeister Karl Roth zum Abschied um den Hals legte

In Neuhütten im Spessart geboren hat Karl Roth schon früh seine Liebe zum Landkreis Starnberg und deren Bewohner entdeckt. Als junger Polizist kam er erst einmal nach München. Zur Sicherheit der Sportler wie auch der zahlreichen Besucher war er während er Olympischen Spiele 1972 an vorderster Front eingesetzt. In seiner knappen Freizeit aber nutzte Roth die neue S-Bahn nach Starnberg, um dort die Vorzüge des Starnberger Sees zu genießen oder einfach nur Wanderungen nach Herrsching sowie auf den Heiligen Berg zu unternehmen. Dass er in Andechs später einmal Bürgermeister werden sollte, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. War doch seinerzeit mehr das „Klosterbräustüberl“ und die berühmte Bierseligkeit Ziel des jungen Polizisten.

„Die Fünfseenregion und die Nähe zur Landeshauptstadt München haben mich von jeher fasziniert. Das war auch der Grund, warum ich mich schon ein Jahr nach meinem München-Einsatz von der Polizeischule im ehemaligen Kloster Hammelburg weg nach Starnberg beworben hab‘“, erzählt Roth. Im Frühjahr 1974 klappte es. Roth war fortan sowohl bei der PI Starnberg sowie der PI Herrsching im Einsatz, in Andechs lernte er auch Ehefrau Elisabeth kennen und lieben. Seit 1975 sind sie verheiratet, haben 1980 die Zwillinge Ralf und Sebastian bekommen und sich ein trautes Heim in Andechs geschaffen.

Schnell heimisch geworden nominierte ihn die CSU Andechs 1995 zu ihrem Bürgermeisterkandidaten. Die Wahl fiel eindeutig aus. 1996 übernahm Roth neben seiner Polizeitätigkeit ehrenamtlich die Gemeindegeschäfte, was 2002 in einen Vollzeitjob umgewandelt wurde. Ja, nun war Roth zwar hauptamtlicher Bürgermeister, jedoch das einzige Gemeindeoberhaupt im Landkreis Starnberg ohne die übliche Bürgermeisterkette. Anlässlich offizieller Termine war Improvisation angesagt. „Ich erinnere mich gut an einen Besuch in Monte Sanito in Italien. Um wenigstens ein bisschen zu repräsentieren, hatte ich mir eine weiß-blaue Schärpe vom Trachtenverein ausgeliehen“, räumte Roth ein.

„Das kann so nicht weitergehen“, sagte sich der damalige Prior vom Kloster Andechs, Pater Anselm Bilgri. Und wenn sich dieser Mönch etwas in den Kopf gesetzt hatte, wurde es auch umgesetzt. Ohne Roth in den Plan einzuweihen, startete der Benediktiner bei den Andechser Gewerbetreibenden einen Spendenaufruf. Immerhin waren 31 von ihnen sofort bereit, sich an den Kosten zu beteiligen.

Roth hatte keine Ahnung, was ihn im April 2002 bei seiner letzten Gemeinderatssitzung als Bürgermeister – er übernahm künftig die Geschäfte als Starnberger Landrat – erwartete. Verwundert war er lediglich, weil seitens der Verwaltung die Ratssitzung erstmals in die Alte Bibliothek des Klosters verlegt worden war.

Das Rätsel war schnell gelöst: Pater Anselm Bilgri überreichte der Gemeinde Andechs, stellvertretend an Bürgermeister Karl Roth, die erste Amtskette der Kommune. Ein schweres Teil aus Sterlingsilber. „Eine solche Kette für Andechs war immer schon mein Wunschtraum“, stellte Pater Anselm Bilgri bei der Übergabe freudestrahlend fest. Als Anregung hatte eine Abts-Kette aus dem 17. Jahrhundert gedient, die laut dem Geistlichen, „weil so groß und schwer, im Kloster Andechs den Spitznamen Bürgermeisterkette bekommen hat“.

Uli Singer aus „Habe die Ehre“ – 2018


Uli Singer

Liebe Leser und auch -innen, seit Jahren präsentieren wir Ihnen auf stanet.de nun schon aktuelle aber auch historische, kuriose und lustige Geschichten aus dem Alltag. Kostenlos und ohne jeglichen Hintergedanken. Warum? Weil es Spaß macht und weil es wichtig ist, dass viele Portraits und Ereignisse, die in den herkömmlichen Tageszeitungen oft keinen Platz finden, nicht vergessen werden sollten. Mittlerweile finden unsere Geschichten bis zu 10000 Leser. Es gibt viel positives Feedback. Was uns narrisch freut. Schön wäre es dennoch, wenn es hin und wider auch eine kleine Spende für die echt aufwändige Arbeit unseres Redaktions-Teams geben würde. Und wenn's pro Leser auch nur mal so ummara … wären... ist übrigens ganz einfach... Entweder auf den Spenden-Button drücken, der sich je Artikel mal oben oder mal unten befindet. Es geht aber noch einfacher über Paypal - als Adresse lediglich singer@singer-online.de eingeben. In diesem Sinne - Danke, fürs Zuhören und fürs Lesen Uli Singer

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Vielleicht interessiert Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner