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In Memoriam Pater Coelestin vom Kloster Andechs

Besuch vom Mann im Mond anno 1970

Andechs – Er war der erste Mann, der vor 1969 seinen Fuß auf den Mond setzte: Neil Armstrong. Ein Jahr später kam der Apollo-Astronaut nach Deutschland und besuchte auf seiner Rundreise auch Pater Coelestin im Kloster Andechs. Nach Deutschland kam Neil Armstrong weniger wegen des Themas Raumfahrt. Vielmehr pflegte er ein für einen Apollo-Astronauten ziemlich anachronistisches Hobby, das der Segelfliegerei. Dazu hielt er sich einige Tage auf der Wasserkuppe in der Rhön auf, Hessens höchster Berg, bekannt auch als „Wiege des Segelflugs“. Weiter fuhren Armstrong und sein Gefolge am 12. Juli 1970 nach München. Nach anstrengenden Vorträgen und einem Besuch der Bölkow-Werke in Ottobrunn stand am Nachmittag Kultur auf dem Programm. Der Mann, von dem man sich erzählte, er könnte mit dem lieben Gott höchstens dann etwas anfangen, wenn dieser ein Flugzeug wäre, besuchte Bayern weltberühmtes Kloster Andechs auf dem Heiligen Berg. (Siehe Video-Clip im Anschluss an den Artikel.)

Obwohl es weitgehend geheim gehalten werden sollte, lediglich die Presse war eingeladen, war den Anwohnern, aber auch den zahlreichen Wallfahrern schnell bewusst, dass angesichts des Polizeiaufgebots hoher Besuch im Anmarsch war. Der Andrang war groß. Gegen dreizehn Uhr fuhren dann drei Limousinen vor den altehrwürdigen Klostergasthof vor, und ehe die Autogrammjäger Armstrong inmitten seiner Begleiter ausmachten, war er auch schon inkognito, mit großer Sonnenbrille bestückt, im abgesicherten Nebenstübchen verschwunden.

Es war Pater Coelestin, der den hohen Besuch empfing und auch betreute. Bei Kalbshaxen, Kartoffelknödeln und Andechser Bier erholte sich Armstrong schließlich von der anstrengenden Händeschüttel-Tournee. In Punkto Verköstigung meinte damals einer seiner Begleiter: „Das ist schon etwas anderes, als das Weltraum-Menü aus der Tube.“ Anschließend war ein Rundgang durch die Klostergemächer vorgesehen; unter anderem ging es in die Schatzkammer mit den wertvollen Kunstschätzen. Pater Coelestin war in seinem Element. Begeistert erzählte er in einwandfreiem Englisch, woher die Schätze kommen und warum sie im Kloster aufbewahrt werden. Lediglich beim Übersetzen der Worte „Szepter“ und „Kupferstich“ stellten sich beim sprachgewandten und weit gereisten Mönch kleinere Probleme ein. „Ich zeigte den Besuchern auch das Szepter, das Kaiser Maximilian am 16. Jahrhundert für die Heilige Kapelle stiftete“, erzählte Pater Coelestin anlässlich eines Interviews im Jahre 2011. „Ob sich unser hoher Gast nun an den historischen Geschichten erbaute, weiß ich nicht zu sagen. Kaum aber vernahm er, dass es sich bei dem Relikt um ein kaiserliches Original-Szepter handelt, wurde Armstrongs Geist lebhaft beflügelt.“ Zumindest habe er zu verstehen gegeben, dass er das Szepter gerne einmal selbst in die Hand nehmen wollte.

 „Ich habe zwar als erster Mensch den Mond betreten. Aber ich habe noch nie ein Kaiser-Szepter in der Hand gehabt“, soll Armstrong gesagt haben. Pater Coelestin saß in der Zwickmühle. „Im Kloster ist es nicht üblich, so wertvolle Kunststücke berühren zu lassen“, erklärte er und zögerte ein paar Minuten. Doch Armstrong ließ nicht locker, so dass der Pater schließlich einknickte. „Ich hab‘ mir einfach gedacht, wenn er schon als erster Mensch den Mond berührt hat, dann kann er auch das Szepter des letzten Ritters des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation berühren.“ Seit jener Zeit aber wurde das Kloster auf Empfehlung von Neal Armstrong häufig von Astronauten heimgesucht, die Pater Coelestin stets unter Betreuung hatte. „Nur mit meinem Englisch hat es in den letzten Jahren nicht mehr so geklappt“, räumte der langjährige Priester und überregional gleichermaßen bekannte wie beliebte Wallfahrts-Pfarrer ein. Pater Coelestin Stöcker starb im April 2016 kurz vor seinem 89sten Geburtstag.

Uli Singer

KURZVITA zu mir, als Initiatorin der Online-Zeitung: Geboren 1946 in München, Untergiesing war für viele Jahre meine Heimat. Wir hatten einen Zooladen an der Humboldstraße, was für mich bedeutete, sieben Tage die Woche neben der Schule auch "meinen Mann" im Laden zu stehen. Naja, geschadet hat es nicht. Seit etwa 30 Jahren bin ich als Journalistin und Fotografin unterwegs, schreibe Bücher und bin außerdem Vorsitzende des Vereins Kinderinsel. Das war jetzt nur ein kleiner Ausschnitt eines aufregenden Lebens... Mehr dazu kommt demnächst in meiner Biografie unter dem Titel "Madl, laß da net ins Hirn scheißen". Ein Tipp, den mir der bayerische Volksschauspieler Hans Brenner mal mit auf den Weg gab.

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